Donnerstag, 15. August 2013

In der S-Bahn

Hier noch ein Text aus dem letzten Jahr, viel Spaß damit! Auch hier sind Kommentare natürlich sehr gern gesehen! :)

In der S-Bahn
Situation verändern sich. Angeblich sind Saturation genau wie Schneeflocken. Es sollen keine zwei identischen existieren. Man kann es natürlich nicht beweisen, aber man kann daran glauben. Jeder Moment ist einzigartig, in exakt dieser Konstellation gab es nie einen anderen und ein zweiter wird nie erschaffen werden.
Der Glauben ist wichtiger, als sich viele Rationalisten eingestehen wollen. Jede Idee besteht aus glauben, und aus Ideen entstehen Ideale. Menschen haben ein Verlangen, nach dem nicht-greifbarem. Dem Etwas.
Oft sitze ich nachts in der S-Bahn und beobachte die Leute. Ich versuche mir dann vorzustellen, was sie gerade empfinden. Dass ihren unergründlichen Mienen nur wie eine unberührte Wasserfläche ist, hinter denen stille Wesen Namens Erinnerungen ihre Wege bahnen. Regungslos richtigen sich ihre Augen gegen die surreale, nächtliche Außenwelt, welche hinter dem spiegelnden Glas verborgen liegt. Laternen und Werbetafeln rasen wie Sternschnuppen vorbei. Ein Augenzwinkern und sie hätten für diese Menschen nie existiert. Auch so tun sie nichts zur Sache. Die rhythmisch vorbeiziehenden Lampen sind wie der pulsierende Herzschlag der Stadt. Nur ein Augenzwinkern und das Herz macht einen Satz. Ab und zu kreuzt sich der Weg mit einer anderen Bahn, ein helles Strahlen, wie ein Adrenalinschub. Durch die Kollisionen der Luftströme geht ein Ruck durch den metallenen Körper des Kolosses, wie ein Muskelzucken, kurz vor dem Einschlafen. Ein winziger Moment der Stille, kaum wahrnehmbar, dann geht es wieder weiter.
Die Augen der Menschen bemerken die Außenwelt kaum. Von der Realität bleibt nur eine schemenhafte Spiegelung ihrer Selbst. Bei absoluter Stille, wenn es scheint, als würde alles, bis auf die Stadt in einem ewigen notwendigem Frost erstarrt sein, da sind diese Menschen am Regesten. Ihre Gedanken wirbeln umher, oft zwischen wahren, vergangenen Ereignissen und Träumerei im Zwielicht. Von den meisten Tagen bleibt nichts als ein vergessener Kalendereintrag, Nichtigkeiten des Alltags.

Wäsche waschen. 

 Glühbirnen kaufen.

Aus der Kindheit bleiben viele dieser anscheinend banalen Bruchstücke der eigenen Geschichte. Diese vergehen mit der Zeit, aus Kontrasten lernt unser Gedächtnis meist wichtige Saturationen von anderen zu trennen. 

Knotenpunkte.

Eckpfeiler. 

Einige Details bleiben trotzdem bestehen. Und in diesen befinden sich meine Mitreisenden nun. Vollkommen zufällig ausgewählte Ereignisse, ein Rauchring, unbewusst herbeigeführt an einem sonst nicht erwähnenswerten Tag. An einem regnerischen Tag die Straße entlanggehen. Die Dynamik der Musik im Ohr steigert sich und während der ersten Klang des Refrains erklingt, verspürt der Körper plötzlich das Verlangen nach Bewegung, nach dem Kontrollverlust, dem Ausbruch, dem Rennen.
Ich sitze in der S-Bahn. Absolute Stille um mich herum. Die Leute um mich herum versinken in einem Meer aus Vergangenem. Es ist keine Zeit des Schaffens in der nächtlichen Bahn. Es ist Reanimation. Das kann ich natürlich nicht beweisen. Aber ich kann es glauben.

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